Ökologie und Nachhaltigkeit

Rolling Tiny House mit Thermoholz-FassadeEnEV2016*) als Messlatte für ökologische Minihäuser.

Tiny Houses erfreuen sich international wachsender Beliebtheit. Neben Zielen, Wünschen und Träumen wie Minimalismus oder geringerem Fußabdruck, den wir Menschen auf diesem Erdenrund hinterlassen wollen, spielen häufig auch ökologische und nachhaltige Gründe eine entscheidende Rolle.

Schlagworte wie die „Verwendung von natürlichen Materialien“ gehören dabei zur regelmäßigen Argumentation. Dabei ist allerdings abzuwägen, ob solche Materialien nur aufgrund ihrer natürlichen Herkunft verwendet werden oder ob sie auch tatsächlich langfristig nachhaltig sind.
Ein ökologisches Material muss nicht zwingend nachhaltig sein sondern kann auf Dauer auch zu höheren Umweltbelastungen oder sogar -schäden führen. Diese auf den ersten Blick unlogische Aussage lässt sich insbesondere am Beispiel von Tiny Houses recht gut erklären.
Einer der systemimmanenten Aspekte eines Minihauses sind verhältnismäßig dünne Wände. Während moderne Energieeffizienzhäuser oder gar Passivhäuser heute mit Dämmstärken von 40 und mehr Zentimetern ausgestattet werden, können solche in Minihäusern nicht zum Einsatz kommen. Man stelle sich einmal vor, wenn ein straßenzugelassenes Tiny House mit einer maximalen zulässigen Breite von 2,55 Metern auch noch mit einer 40 cm starken Wand ausgerüstet wäre. Dann bliebe für den nutzbaren Wohnraum nur noch eine beschauliche Breite von gerade einmal 1,75 m übrig. Dabei bleibt ein weiterer entscheidender Aspekt bei der Konstruktion eines Tiny House on Wheels noch völlig unberücksichtigt, – das maximal zulässige Gewicht von 3,5 Tonnen, um es noch als PKW-Anhänger über europäische Straßen bewegen zu dürfen. Grundsätzlich kämpfen alle Tiny House Hersteller mit der gesetzlichen Hürde eines maximal zulässigen Gesamtgewichts. Nicht selten verringern daher Hersteller die Dämmstärke auf nur wenige Zentimeter, wodurch zwar Gewicht eingespart (werden kann) aber gleichzeitig auch die Dämmleistung beeinträchtigt wird.
Je dünner allerdings die Dämmung ist, desto problematischer wird es, einen tatsächlich ökologisch-nachhaltigen Energieverbrauch insbesondere für die Heizung in einem Tiny House zu gewährleisten.
Eingedenk der überproportional großen Außenfläche eines Tiny House, das ja in alle Richtungen Außenwände, Decken und Fußböden aufweist, kann auch die Verwendung von ökologischen Dämmmaterialien zu einem ungleich höheren Heizenergieverbrauch über die nächsten Jahrzehnte zur Folge haben und der sich dann ökologisch gesehen negativ auswirken kann.
Die Verwendung von ökologischen Materialien zur Dämmung eines Tiny House allein ist also noch lange kein Indiz für ein wirklich nachhaltiges Tiny House und erst recht kein Argument für einen möglichst geringen Fußabdruck, den der Mensch auf diesem Erdenrund hinterlassen möchte.

Bei Tiny Houses gilt also als Zielsetzung, eine möglichst leichte und möglichst effektive Dämmung mit möglichst umweltverträglicher Entsorgung zu verwenden. Je tiefer man sich also in die Materie der ökologischen Nachhaltigkeit hineinbegibt, desto komplexer und für den Laien unübersichtlicher wird das Thema.

Luft-Wärmetauscher im Tiny House
Funktionsprinzip eines Luft-Wärmetauscher, wie er beim Wärmeschutznachweis gemäß EnEV2016 vorgeschrieben ist.

Gesetzliche Messlatte „EnEV“

Die entscheidende gesetzliche Messlatte, die alle nach heutigen Maßstäben wichtigen Punkte berücksichtigt, stellt die Energieeinsparverordnung (kurz: EnEV) dar, die auf den europäischen Richtlinien 2010/31/EU und der darauf folgenden 2012/27/EU basiert. Ursprünglich im November 2013 in Kraft getreten wurde die Verordnung zum 1. Mai 2014 und dann noch einmal zum 1. Januar 2016 novelliert. Der Einfachheit halber wird sie daher nach dem aktuellsten Jahr der Novellierung kurz „EnEV2016“ oder „EnEV2014 mit Änderungen ab 2016“ bezeichnet.

Dabei spielen tatsächlich nicht nur klassische Dämmwerte – auch gerne U-Werte genannt – eine Rolle sondern auch Lösungen zur Raumklimatisierung zur Verhinderung von Kondenswasser und Schimmel und – noch entscheidender – der Nutzung von erneuerbaren Energien. Die EnEV2016 ist für alle genehmigungspflichtigen Neubauten bindend, für die ab dem 1. Januar 2016 der Bauantrag gestellt wird und auf genehmigungsfreie Bauvorhaben, die nach dem 1. Januar 2016 starten. Sie gelten sowohl für Bauherren neuer Gebäude als auch für Altbaubesitzer. 
Aussagen, nach denen ein Wärmeschutznachweis oder populärwissenschaftlich eine „EnEV2016-Zertifizierung“ für Wohngebäude mit weniger als 50 m2 nicht notwendig sein soll, entsprechen nicht der geltenden Rechtslage. Diese Grenze von 50 m2 gilt lediglich für Ferienhäuser, sofern diese nicht länger als drei Monate im Jahr genutzt werden. Für dauerbewohnte Ferienhäuser ist ebenfalls Wärmeschützenachweis zu erbringen.

Ungeeignete Öko-Dämmung

Dazu ein kleines anschauliches Beispiel: Während eine nur 10 cm dünne Dämmung aus Schafwolle, Hanf oder Seegras bei einem Tiny House von acht Metern Länge bereits über 300 kg Gewicht mit sich bringt, wiegt eine auf Erdöl basierende Polyurethan-Dämmung lediglich 45 kg, bietet zugleich eine deutlich bessere Dämmleistung und damit einen signifikant verringerten Heizenergieverbrauch in den nächsten Jahrzehnten. Bei der Entsorgung verfügt eine PU-Dämmung auch noch über 90 % seines ursprünglichen Heizwertes, so dass auch eine fachgerechte Entsorgung möglich ist. Folglich führt die Frage der ökologischen Dämmung in einem Tiny House nicht zwangsläufig zu der Verwendung von ökologischen Materialien.

Und immer wieder „Schimmel“

Rolling Tiny House in schwedengelbDoch Dämmung allein macht noch kein nachhaltiges Tiny House aus. Zur Gesunderhaltung des Raumklimas fordert die EnEV den permanenten Austausch der feuchtigkeitsgeschwängerten Luft durch Frischluft bei gleichzeitiger Minimierung des Verlustes an Heizenergie. Einfach ausgedrückt: Ein Tiny House ohne aktiven Luft-Wärmetauscher oder Luftentfeuchtung hat keine Chance auf Zertifizierung gemäß EnEV2016.

Die Nutzung erneuerbarer Energien ist ein weiterer entscheidender Prüfpunkt nach EnEV. Während Öl und Gas als fossile Brennstoffe grundsätzlich ausfallen, bringen auch Holzöfen keinen Vorteil, weil sie temperaturtechnisch nicht steuerbar sind und ohne Feinstaub-Filtersysteme ohnehin keine Betriebserlaubnis mehr erhalten. Hingegen können elektronisch gesteuerte Pelletöfen bei richtigem Einsatz die Anforderungen umfassend erfüllen.

Bei der Erfüllung der EnEV-Kriterien stehen dann alle Hersteller vor nahezu unüberwindlichen Hürden, wenn das Haus immer kleiner, die Wände immer dünner, das Raumvolumen zur Wasseraufnahmefähigkeit immer geringer und die Systeme zur Nutzung erneuerbarer Energien durch Verkleinerung immer ineffektiver werden. Insbesondere Heimwerker und Handwerksbetriebe stoßen dann immer häufiger an ihre technologischen Grenzen.

Vorsicht vor Verkäufertricks

Nicht selten führt diese Entwicklung zu Stilblüten, indem Hersteller, die mit der Erfüllung der EnEV2016 überfordert sind, zu argumentativen Schlenkern greifen und ihre Häuser mit Aussagen wie „nach EnEV gebaut“ oder „EnEV-konform“ bewerben, die allerdings im Rahmen eines Bauantrages, für den ein offizieller Wärmeschutznachweis gem. EnEV 2016 durch einen staatlich anerkannten Energieberater gefordert wird, schlichtweg wertlos sind. Auch sollte ein Wärmeschutznachweis nicht mit dem sogenannten „Energiepass“ verwechselt werden, der zusätzlich für alle Wohngebäude verpflichtend ist. Noch fragwürdiger sind Falschaussagen wie „EnEV muss bei Minihäusern nicht erfüllt werden“. Ja, was denn nun? Ökologie ja, aber Einhaltung gesetzlicher Öko-Maßstäbe nein?

Nur die herstellerunabhängige und fachlich kompetente Prüfung aller Kriterien zur Dämmung, Raumklimatisierung und Nutzung von erneuerbaren Energien bringt für den Verbraucher die erwünschte Sicherheit beim Erwerb eines möglichst ökologisch-nachhaltigen Mini-Wohngebäudes.
Diese Messlatte „EnEV2016“ bietet zudem den unschätzbaren Vorteil, dass sich der Tiny House Interessent auch nicht mehr von althergebrachten Argumenten wie „diffusionsoffen oder -dicht“, „U-Werte“ oder „ökologische Dämmung“ verwirren lassen muss. Denn nicht ein einzelnes Argument sondern die Gesamtheit aller Komponenten ergeben erst einen Sinn und Nutzen.

*) In Österreich: u.a. „Wärmeschutz im Hochbau“ ÖNORM 8110 sowie „Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden“ ÖNORM H 5055-59.
In der Schweiz: u.a. Gebäudeenergieausweis der Kantone GEAK.

Dieser Artikel ist in leicht geänderter Version in der Fachzeitschrift „Kleiner Wohnen“ erschienen.